Rennbericht European E-MTB Tour #3 in Castino
Für uns stand am letzten Wochenende das vierte Rennen unseres ersten Rennblocks an. Nachdem wir unter der Woche noch in Riva geblieben sind, ging es am Donnerstag ins Piemont nach Castino zur dritten Runde der European E-MTB Tour. Für den Großteil des Teams war es eine neue Location, nur Théo kannte das Rennen aus dem letzten Jahr. Um die Beine nach der Autofahrt zu lockern, haben wir direkt den Bikepark Alta Langa ausgecheckt, in dem das Rennen stattfindet. Natürlich auf einem Trail, der nicht im Rennen gefahren wird. Wir waren überrascht: Die Strecken hier sind sehr flowing, mit vielen Rhythmus- und Gefällewechseln. Die Trailbauer schaffen es, aus den ca. 300 Höhenmetern, die zur Verfügung stehen, das Maximum herauszuholen.
Freitag: Feintuning und Bike Check
Am Freitag besuchten wir erneut denselben Trail. Helen und Kelan hatten unter der Woche auf den DHX2 Coil sowie die neue 2027er Fox 38 umgestellt. Dementsprechend wollten sie das Setup nochmal verbessern. Kelan stellte von einem -5mm Reachset auf ein +0,5 Grad Angleset um und merkte schnell die positiven Effekte des steileren Lenkwinkels im engen Gelände. Am Abend stand dann der obligatorische Bike Check an. Schön zu sehen: Ein weiterer Avinox-Fahrer war am Start. Yannick Pontal, ein alter Hase im E-Enduro-Sport und Testfahrer von SRAM, hat sich für ein Unno Mith mit Avinox-Motor entschieden. Ihm halfen wir noch kurz mit dem Race-Setup seiner Firmware, dann waren alle ready to go.
Nachtrag: M2S Race750 und der Ablauf des Bike Checks
An dieser Stelle lohnt es sich, den Bike Check nochmal genauer zu erläutern, da einige Bedenken über die Verlässlichkeit der Systeme bestehen. Ein wesentlicher Bestandteil des Tests ist die Whitelist der UCI-zertifizierten Motoren und Firmwarestände. Nur wenn beides übereinstimmt, darf zum Bike Check angetreten werden. So wird die maximale Leistungsabgabe sichergestellt. Während des Tests wird dann der Laufradumfang inklusive Reifen gemessen. Von diesem Wert dürfen maximal 5% Toleranz abgezogen werden. Liegt man nicht im Bereich, wird man disqualifiziert. Als Endkunde kann man den Wert nicht anpassen, weswegen die Hersteller die Räder in einem sicheren Bereich ausliefern. Zusätzlich gibt es über den Tag verteilt zufällige Tests der Maximalgeschwindigkeit auf einem Prüfstand. Alle Fahrer am Podium werden getestet, ebenso jeder Hersteller.
Practice und Bikepark Alta Langa
Der Bikepark ist faszinierend. Castino und die umliegende Region haben kaum Einwohner. Die Trails wurden alle ehrenamtlich gebaut und werden ehrenamtlich erhalten. Das merkt man auf den Strecken. Da steckt viel Leidenschaft drin. Das ganze Dorf ist zusammengekommen, um das Rennen auszurichten. Hier muss man ein großes Lob an Enrico von der Superenduro-Serie aussprechen. Als der Schaffer des Enduro-Sports in Italien – er organisierte alle EWS-Rennen und MTB World Cups in Italien sowie die WM in Finale im Herbst mit seiner Firma 4GUIMP – versteht er es, Events zu organisieren und engagierte Regionen zu finden.
Samstag: Training der Stages
Bei perfektem Wetter startete am Samstag das Training der Strecken wie gewohnt am Vormittag. In Italien darf bei E-MTB-Rennen nur eine Batterie benutzt werden, die während einer Pause geladen werden kann. Die Rennrunde hatte fünf Stages und 1700 Höhenmeter. Batteriemanagement war also essenziell.
Die Strecken waren sehr abwechslungsreich und unterschiedlich in Länge und technischem Anspruch. Während Stage 1, 2 und 3 immer wieder flache Abschnitte mit Gegenanstiegen hatten, waren Stage 4 und 5 durchgehend steiler und technischer. Die längste Stage hatte knapp über acht Minuten Siegerzeit. Definitiv eine würdige Länge für einen Europacup.
Samstagabend: Powerstage
Am Samstagabend fand wie gewohnt das Training sowie das Rennen der Powerstage statt. Die Strecke war im Vergleich zu Belgien und Slowenien deutlich enger und technischer. Looser Untergrund, steile Kurven und Offcamber-Passagen wechselten sich mit künstlichen Baumstamm-Features ab. Wer hier eine schnelle Zeit hinlegen wollte, musste voll attackieren. Um die Erfolgschancen zu optimieren, haben wir für die Powerstage den Schwalbe Shredda Rear aufgezogen. Mit den großen Stollen ein optimaler Reifen für weiches und loses Gelände. Je nach Athlet fahren wir zwischen 1,0 und 1,2 Bar im Hinterreifen während der Powerstages. Die Stimmung war durch die vielen Zuschauer und das kompakte Layout wieder hervorragend. Das Zuschauen war ein Genuss und alle Athleten wurden gleichermaßen gepusht.
Helen startete als Erste in die Powerstage. Leider fuhr sie nach eigener Aussage zu verhalten, hatte zwei kurze Hänger und verlor etwa fünf Sekunden auf die Spitze. Kelan startete als Nächster und bekam die Länge der Stage voll zu spüren. Weitgehend fehlerfrei, fehlte ihm die Spritzigkeit in den Beinen. Théo war wie üblich konstant, hatte einen kleinen Hänger und landete mit knapp über einer Sekunde Rückstand auf Platz zwei. Es ist beeindruckend, wie konstant er in den Uphills seine Leistung abrufen kann.
Powerstage Männer: 1. Giordanengo: 1:26.21 – 2. Théo: 1:27.44 (+1.22s) – 3. Dailly: 1:31.27 (+5.06s) – 6. Kelan: 1:33.89 (+7.67s)
Frauen: 1. Chabbert: 1:51.30 – 2. Espineira: 1:54.75 (+3.45s) – 3. Helen: 1:56.67 (+5.37s)
Zu diesem Zeitpunkt war die Stimmung noch ausgelassen. Dann der Blick in den Wetterbericht: Es sollte die Nacht von Samstag auf Sonntag durchregnen. Nach dem Training im Staub stand uns eine Schlammschlacht bevor.
Sonntag: Race Day
Wie bereits erwähnt, war kurz vor dem Rennen in Castino endlich die Lieferung unserer neuen Fahrwerke aus Taiwan angekommen. Problem: Die neue Fox 38 hat eine andere Aufnahme für Mudguards. Kurzerhand wurde also in der Früh der Dremel ausgepackt und die Schraub-Mudguards zu Versionen mit Kabelbindern umfunktioniert. Ein weiteres wichtiges Thema war die Reifenwahl. Hier waren sich alle sehr unsicher, es hätte aber nur eine richtige Wahl gegeben: Dirty Dan vorne und hinten. Helen entschied sich zumindest für einen Dirty Dan am Hinterrad, der von Lukas gecutttet wurde für bessere Rolleigenschaften. Die Jungs blieben bei der Kombination aus Magic Mary und Dirty Dan. Eine Wahl, die sie nach der ersten Stage bereuten.
Stage 1
Die flachste und zugleich matschigste Stage des Tages. Ein absoluter Kaltstart. Viele flache, ausgewaschene Kurven, in denen man kaum Grip fand und permanent ausgeklickt fahren musste. Wer hier nicht von Anfang an voll konzentriert war, verlor sofort Zeit. Théo und Kelan erwischte es jeweils mit zwei Stürzen. Beide kamen zwar ohne größere Blessuren davon, verloren aber wertvolle Sekunden. Helen dagegen erwischte einen herausragenden Lauf und gewann die Stage souverän. Ihre Zeit von 4:30.72 hätte im Männerfeld für einen Platz in den Top 10 gereicht und war damit nur 5 Sekunden langsamer als Théo. Für Kelan und Théo hieß es: schütteln, die falsche Reifenwahl schnell vergessen und auf den restlichen Stages zurückschlagen.
Stage 1 Männer: 1. Garibbo: 4:09.80 – 2. Dailly: 4:17.77 (+7.97s) - 6. Kelan: 4:19.97 (+10.18s) – 8. Théo: 4:24.74 (+14.95s)
Stage 1 Frauen: 1. Helen: 4:30.72 – 2. Espineira: 4:31.72 (+1.00s) – 3. Swift: 4:50.17 (+19.45s)
Stage 2
Die längste Stage des Tages mit knapp über acht Minuten Siegerzeit. Der Trail verlief zunächst lang auf einem Kamm mit viel Up und Down, bevor es im zweiten Teil steil und schnell wurde. Théo und Kelan kamen eindrucksvoll zurück. Kelan fuhr mit 8:11.04 die drittschnellste Zeit aller Männer und bewies damit, was auf den längeren, physisch anspruchsvollen Stages in ihm steckt. Théo wurde Vierter, nur 0,7 Sekunden hinter Kelan. Bei den Frauen baute Helen ihren Vorsprung massiv aus: Mit über 24 Sekunden Vorsprung auf Espineira gewann sie die Stage überlegen. Im Gesamtklassement der Männer verdichtete sich der Kampf um das Podium: Théo, Ienzer und Kelan lagen innerhalb von nur einer Sekunde. So eng war es lange nicht mehr.
Stage 2 Männer: 1. Dailly: 7:58.10 – 2. Garibbo: 8:01.02 (+2.92s) – 3. Kelan: 8:11.04 (+12.95s) – 4. Théo: 8:11.79 (+13.70s)
Stage 2 Frauen: 1. Helen: 8:56.28 – 2. Espineira: 9:20.42 (+24.14s) – 3. Chabbert: 9:26.03 (+29.75s)
Zwischenstand Männer (PS+S1+S2): 1. Garibbo: 13:45.25 – 2. Dailly: +1.89s – 3. Théo: +18.72s – 4. Ienzer: +19.32s – 5. Kelan: +19.66s
Stage 3
Die technischste Stage des Tages. Oben warteten viele Gegenanstiege, danach wurde es steil und eng. Helen holte sich erneut den Stagesieg und baute ihren Vorsprung im Gesamtklassement weiter aus. Théo fuhr einen starken dritten Platz hinter Garibbo und Dailly und sicherte damit seine Podiumsposition im Overall ab. Für Kelan wurde diese Stage leider zum Tiefpunkt des Tages: Durch ein Bikeproblem verlor er enorm viel Zeit und fiel auf Stageplatz 13 zurück. Der Rückstand auf die Spitze wuchs auf über 35 Sekunden. Der enge Dreikampf um den dritten Gesamtplatz war damit für ihn entschieden.
Stage 3 Männer: 1. Garibbo: 3:32.46 – 2. Dailly: 3:36.60 (+4.14s) – 3. Théo: 3:37.06 (+4.60s) – 13. Kelan: 4:07.68 (+35.22s)
Stage 3 Frauen: 1. Helen: 4:21.97 – 2. Espineira: 4:30.94 (+8.98s) – 3. Chabbert: 5:23.05 (+1:01.08s)
Stage 4
Die letzte Stage des Tages. Stage 5 wurde aus Sicherheitsgründen gestrichen, die Bedingungen ließen eine sichere Durchführung nicht mehr zu. Die Ergebnisse waren zu diesem Zeitpunkt im Wesentlichen schon entschieden. Théo und Helen brachten ihren dritten Platz bzw. den Sieg ungefährdet ins Ziel. Kelan war sichtlich enttäuscht über den Zeitverlust auf Stage 3, der ohne eigenes Verschulden passiert war. Trotzdem kämpfte er sich durch und brachte den sechsten Platz nach Hause.
Stage 4 Männer: 1. Garibbo: 3:59.26 – 2. Théo: 4:06.32 (+7.07s) – 3. Dailly: 4:06.38 (+7.13s) – 9. Kelan: 4:18.16 (+18.90s)
Stage 4 Frauen: 1. Helen: 4:46.95 – 2. Espineira: 4:58.05 (+11.10s) – 3. Chabbert: 5:15.96 (+29.02s)
Endergebnis
Garibbo fuhr den ganzen Tag souverän an der Spitze und ließ nichts anbrennen. Dailly sicherte sich den zweiten Platz. Théo komplettierte das Podium mit seinem dritten Podestplatz in Folge. Damit steht er nach drei Rennen dreimal auf dem Treppchen. Helen dominierte die Frauenwertung mit vier Stagesiegen aus vier Stages und über 43 Sekunden Vorsprung auf Espineira. Kelan rundete das Teamergebnis mit Platz sechs ab, hätte ohne die Probleme auf Stage 3 aber deutlich weiter vorne landen können.
Endergebnis Männer: 1. Garibbo: 21:16.96 – 2. Dailly: +13.15s – 3. Théo: +30.39s – 4. Ienzer: +55.35s – 5. Batista: +1:03.95 – 6. Kelan: +1:13.79
Endergebnis Frauen: 1. Helen: 24:32.58 – 2. Espineira: +43.30s – 3. Chabbert: +2:14.23 – 4. Swift: +3:07.79 – 5. Henry: +4:16.49
Fazit
Ein top Rennen und ein Wochenende, mit dem wir sehr zufrieden sind. Théo zum dritten Mal auf dem Podium, Helen mit einer dominanten Vorstellung und Kelan trotz Pech auf Platz sechs. Das größte Learning des Wochenendes: Wenn es regnet, dann Dirty Dan. Gerade am E-Bike, wo Traktion in den technischen Uphills über alles geht, gibt es bei Schlamm keine Alternative. Das nehmen wir mit.
Nach vier Rennen in Folge ist jetzt erstmal eine Pause für alle verdient. Théo fährt als Nächstes die French Nationals, Helen startet bei der Trans Madeira und anschließend bei den German Nationals. Das gesamte Team kommt im Juni beim Enduro des Hautes Vosges, dem Invitational von Rémy Absalon, und bei der Bosch Challenge beim Velo Vert Festival in Bourg St. Maurice wieder zusammen.
Mehr Eindrücke vom Renntag gibt es im Vlog des ROTWILD-Schwalbe-Gravity-Teams.