Lutz Scheffer über die eMTBs der Zukunft
Seit März 2017 leiten Sie das ADP Concept Design Center in Garmisch-Partenkirchen. Was genau ist hier Ihre Aufgabe?
Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Team im ROTWILD-Headquarter in Dieburg im Alltag ab?
Wie lange dauert die Umsetzung einer Designidee bis zur ersten Probefahrt des Prototypen?
Wie genau läuft dieser Entwicklungsprozess ab?
Wie viele und welche Personen sind in einen solchen Entwicklungsprozess involviert?
Wann haben Sie Ihr erstes eMTB ausprobiert und welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
In welchen Bereichen sahen Sie damals den größten Bedarf für Verbesserungen?
Die Antwort hierauf würde jetzt den Rahmen sprengen. Grob gesagt ist die Reichhöhe im alpinen Gelände das größte Problem. Um 250.000 Höhenmeter im Jahr zu schaffen, habe ich praktisch auf jeder Tour einen zweiten Akku mitgenommen. Mein durchschnittlicher Akkuverbrauch lag bei 750 Wh für knapp 1500 bis 2000 Höhenmeter pro Tour. Der 2,6 kg schwere Akku im Rucksack störte, da ich zum überwiegenden Teil auf alpinen Trails fuhr, bei denen voller Körpereinsatz bergauf sowie bergab gefragt war. Kurze Kurbeln wegen der Absturzgefahr auf ausgesetzten Trails kamen recht schnell auf mein Bike. Dazu immer grobstolligere Reifen und Federwege nicht unter 160 Millimeter.
Der starke Verschleiß von Bremsbelägen war ein echtes Ärgernis. Ein Mal pro Woche war nach etwa zehn Betriebsstunden und rund 20.000 Höhenmetern ein Bremsbelagswechsel notwendig. Die Kette hat deutlich länger gehalten und musste nur alle zwei Monate getauscht werden. Generelle Defekte hatte ich bei diesem Dauertest nur einmal durch ein abgerissenes Speedsensorkabel und ein defektes Schaltauge. Am Ende des Jahres musste der Motor (Bosch CX) auf Garantie getauscht werden. Er lief noch einwandfrei, bloß das interne Reduziergetriebe klang wie meine alte Kaffeemühle und hätte in absehbarer Zeit Zahnausfall bekommen. Gabeln, Stoßdämpfer und Ritzel-Kassetten habe ich mehrmals gewechselt, allerdings aus Testzwecken und nicht wegen akutem Verschleiß.
Wie viele Höhenmeter an Testfahrten absolvieren Sie pro Jahr?
Wo sehen Sie bei eMTBs derzeit das größte Potential für Innovationen?
- Reichweitenerhöhung durch angepasste Akkugrößen
- Adaptive Akkulösungen von 750 Wh bis 1000 Wh ohne Rucksackunterbringung
- Bessere Kontrolle der Schnittstelle Mensch – Maschine durch eine ergonomischere Bedienung in Verbindung mit neuartigen Funktionen am Lenker
- Bessere Integration der Motoren in den Rahmen
Der Übergang vom Aufsteigen zum Fahren und umgekehrt spielt eine wesentliche Rolle, gerade in schwierigem Gelände. Schiebepassagen, auch wenn sie nur wenige Meter lang sind, müssen einfacher und eleganter zu bewältigen sein.
Technisch gesehen geht der Trend vom Adaptiven zum Integrativen; in der Vergangenheit wurden die Batterien mit dem Rahmen eine echte Einheit. Als nächstes wird der Motor an der Reihe sein: Weg vom rein angeschraubten Motor hin zum echten, in den Rahmen eingebauten Integralmotor. So könnte man in Zukunft noch mehr Gewicht sparen.
Generell müssen die Rahmen und Bauteile der eMTBs in Zukunft leichter werden. Jede Gewichtsreduzierung zählt, auch wenn es nur ein paar hundert Gramm sind! Es ist beileibe nicht so, dass jenseits der 20 Kilo alles egal wäre.
Lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Was dürfen wir in Sachen Akkupower bei E-MTBs erwarten?
Wie schaut es mit einer Verbesserung der Traktion in Zukunft aus?
Und was können wir in Hinblick auf Geometrie, Kinematik und Gewicht in Zukunft erwarten?
Ein Bike, das mittels variabler Geometrie und variablen Ausfallenden alle diese Kombinationen ermöglicht, ist der Idealfall. Kinematisch gesehen müssen eMTBs den dreifach höheren Antriebskräften Rechnung tragen. Ein Antisquat wie bei klassischen Mountainbikes ist nicht mehr nötig, da ein E-Motor in Verbindung mit dem Mensch ein nahezu geglättetes Antriebsdrehmoment erzeugt. Das Schreckgespenst „Wippen“ ist passé. Im Gegenzug ist es viel wichtiger, dass der Kettenzug nicht wie bei klassischen Bikes ohne Motor zur Wippunterdrückung eingesetzt wird, sondern sich möglichst federungsneutral verhält. Der Kettenzug darf die Federung möglichst wenig verhärten, da man bei einem eMTB auch bergauf die Federung als traktionsförderndes Mittel benötigt.
Das Gewicht muss bei eMTBs eindeutig leichter werden, wobei man die Batterie gesondert betrachten muss. Ein eMTB mit zu kleiner Batterie macht keinen Sinn. Hier muss man realistisch bleiben. Powerbikes mit Motoren, die in der Spitze über 600 Watt bringen und trotzdem eine Betriebszeit von über zwei Stunden auf Trails garantieren, werden kaum unter 20 Kilogramm zu fertigen sein. Potential haben leichte eMTBs mit reduzierter Spitzenleistung und kleineren Batterien. Hier ist allerdings ein deutlich größerer Pedalier-Eigenanteil aufzubringen.
Wie sieht Ihre Vision vom eMTB der Zukunft aus?
Meine Vision wäre ein eMTB mit 16 bis 18 Kilo, einem 170-mm-Federweg und zwei Kilo Brennstoffzelle mit Reichhöhe für 3000 bis 4000 Höhenmeter am Stück. Mit einem solchen Bike könnte auch ein „Bikepark-Tag“ ohne Liftunterstützung mit einer Ladung absolviert werden. Dieses Bike hätte zudem eine Upsidedown/ Variotravel-Federgabel von 140 bis 170 mm und eine 200 mm Dropperpost mit Neigungsausgleich.
Falls das mit der Brennstoffzelle nicht klappt oder sie noch eine geraume Weile auf sich warten lässt, wünsche ich mir einen 1000-Wh-Akku unter vier Kilo in Verbindung mit einem optionalen kleinen Zusatzakku, der weitere 500 Wh Reserve bietet.
Jenseits dieser Powerbikes werden schwächer motorisierte eMTBs an Bedeutung gewinnen. Diese Bikes sind deutlich schlanker und leichter und ähneln eher den klassischen Mountainbikes. Doch auch hier ist ein optimaler Wirkungsgrad des E-Antriebs das Geheimnis für eine kleine leichte Batterie-Motoreinheit bei gleichzeitig großer Reichhöhe. Tretlager, Winkelgetriebe und anderweitige Kraftumlenkungen sind Wirkungsgradkiller im Antriebsstrang: Hier werden wir in Zukunft bessere technische Lösungen im Köcher haben.
Mein persönliches Anliegen ist es, für eine wachsende Akzeptanz des eMTB im Reigen der Natursportarten zu sorgen. Der freie offene Zugang zu Trails und Wegen ist eine Grundvoraussetzung zur Ausübung des E-MTB-Sports. Tuning von eMTBs zerstört jegliche Legitimation, sich rechtlich dem Mountainbiken als Radfahren gleichzustellen. Wer sein eMTB tunt, handelt in hohem Maß unverantwortlich gegenüber anderen Bikern und der eMTB-Bewegung als Ganzem.
Das 25-km/h-Abschaltlimit für den Motor ist im Gelände und insbesondere bergauf definitiv kein Problem, wenn man sich auf den üblichen MTB-Trails bewegt. Andere Motorsysteme, die jenseits der 25 km/h schwergängig zu treten sind, dürfen trotz allem nicht zum Tuning verleiten. Der sanfte Übergang beim Auslaufen der Motorunterstützung und das verlustfreie Pedalieren bei abgeschaltetem Motor, so wie es der Brose-Motor kann, sind dabei von entscheidender Bedeutung. So hat man auch jenseits der 25 km/h ungetrübte Freude am Biken.
Mehr Einblicke gibt Lutz Scheffer in der Vorstellung des ROTWILD Big Mountain R.X750 und in unserem Podcast ROTWILD trifft ... Lutz Scheffer, Gelände-Fan, Bike-Philosoph & EMTB-Produktdesigner.