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Rotwild Insights: Peter Böhm – Chief Engineer

Peter „Pedro“ Böhm leitet als Chief Engineer die R&D-Abteilung von ROTWILD. Als einer der Firmengründer blickt er auf über 20 Jahre Entwicklungserfahrung in der Bike-Branche zurück. In diesem Interview erläutert er, welche Herausforderungen das R&D Team täglich meistern muss, wie man „dicke Bretter“ bis zum Ende durchbohrt und was seine ganz persönlichen Bike-Vorlieben sind.

Was hast du beruflich gemacht, bevor du zusammen mit Peter Schlitt die ADP Engineering GmbH gegründet hast?

Ich habe neben meinem Studium in Darmstadt als studentische Hilfskraft am Fraunhofer Institut für Betriebsfestigkeit (LBF) gearbeitet. Parallel war ich im nationalen und internationalen Motorsport als Fotograf und Freelancer tätig.

 

Wie kam es zu der Idee, ein eigenes Ingenieurbüro und in der Folge die eigene Bikemarke ROTWILD zu gründen?

Zunächst stand nach der Firmengründung die Serienfertigung unserer Carbon-Brake Booster im Vordergrund, die wir während unserer Tätigkeit im Fraunhofer Institut entwickelt hatten. Dass daraus später ein Ingenieurbüro entstand, war am Anfang nicht geplant. Erst als wir die ersten kleineren Entwicklungsaufträge bekamen, wurde uns schnell klar, dass die Fahrradbranche hier großen Nachholbedarf hatte.

ROTWILD war die Konsequenz aus dieser ersten Ingenieurstätigkeit. Immer wieder mussten wir feststellen, dass viele konstruktive Ideen, die wir hatten, dem „Rotstift“ zum Opfer fielen. Da reifte der Gedanke, eine eigene Marke zu gründen, um über Prototypen der Branche aufzuzeigen, was technisch machbar wäre. Finaler Auslöser war dann ein Treffen mit Markus Greber, der damals als Redakteur beim BIKE Magazine arbeitete. Er versprach uns eine Doppelseite, wenn es uns gelänge, einen besonderen Prototypen zu entwickeln. So entstand innerhalb weniger Wochen das ROTWILD P1 mit Zahnriemen, Scheibenbremse, elektronischer Schaltung und Carbon-Federgabel. Viele der damaligen Innovationen gehören heute bei Mountainbikes zum Standard.

Grundlagenforschung Ende der 90er Jahre von Peter Böhm: Dehnmessstreifen am Rahmen erfassen auftretende Kräfte.

Wie sieht heute dein beruflicher Alltag im Engineering bei ROTWILD aus?

Nahezu 80 Prozent meiner täglichen Arbeitszeit entfallen auf die Konstruktion von E-Bike-Rahmen und den damit verbundenen Projektarbeiten. Hierzu zählt die Integration der spezifischen Anbauteile wie auch die intensive Korrespondenz mit den Produzenten in Asien. Darüber hinaus unterstütze ich die jüngeren Kollegen mit Tipps und Erfahrungen aus über 20 Jahren Fahrradentwicklung bei ihren Projekten im Bereich Kommunikation nach Asien, Konstruktion und Simulation. Glücklicherweise hält sich der administrative Aufwand in der R&D-Abteilung in Grenzen.

 

Wie groß ist das Team im Engineering bei ROTWILD, und mit welchen Kollegen arbeitest du eng zusammen?

Wir wachsen und wachsen – glücklicherweise. Mittlerweile sind wir hier im Team sieben Ingenieure und eine studentische Hilfskraft.

 

Wie teilt ihr die unterschiedlichen Aufgabenbereiche auf?

Teilweise sind die Aufgaben- und Verantwortungsbereiche „gewachsen“, aber es kristallisiert sich relativ schnell heraus, wo die Stärken und Schwächen der einzelnen Kollegen liegen, und dementsprechend teilen wir die Aufgaben dann im Team auf. Letztendlich ist der Entwicklungsprozess aber wie ein Uhrwerk zu sehen, bei dem jedes einzelne Zahnrädchen – in diesem Fall die Mitarbeiter – ineinander greifen muss, um ein Projekt zum erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Peter Böhm: "Nahezu 80 Prozent meiner täglichen Arbeitszeit entfallen auf die Konstruktion von E-Bike-Rahmen."

Was war die bisher größte Herausforderung in deinem Job?

Ich denke, die ersten zehn Jahre nach Firmengründung, von 1994 bis 2003, waren sehr schwierige Jahre. Auf der einen Seite stand das extreme Wachstum der Firma und die damit verbundenen Anforderungen. Dem gegenüber stand ein relativ kleines Entwicklerteam, sodass die Belastungen für jeden Einzelnen sehr hoch waren.

Die Entwicklung und der Aufbau der Marke ROTWILD sowie die Entwicklung der Rahmen über all die Jahre hinweg war und ist immer noch eine riesige Herausforderung - und wird es auch bleiben. Insbesondere die Produktionsverlagerung von Deutschland nach Italien wie auch später der Wechsel nach Taiwan waren große Herausforderungen und auch Risiken. Stets waren diese Wechsel getrieben durch den Anspruch, eigene Technologien zu entwickeln. Zum Beispiel neue Fertigungsmethoden zur Herstellung hochwertiger Alu-Legierungen oder die Herstellung eigener Carbon-Rahmen.

Auch die Entwicklung der Rotwild E-MTBs mit der IPU und IPUr war eine große Herausforderung. Diesen Schritt mit allen Konsequenzen für die Zukunft des Unternehmens und der Marke zu gehen, war extrem mutig. Im Nachhinein betrachtet waren all diese Entscheidungen richtig. Aber sie waren teilweise nur mit sehr großem persönlichen Einsatz sowie hohen zeitlichen und finanziellen Aufwendungen zu erreichen und manchmal mit bitteren Rückschlägen verbunden.

 

Wie hast du mit deinem Team diese Herausforderungen gemeistert?

Ein dickes Brett muss man bis zum Ende hin durchbohren. Ich habe gelernt, hartnäckig zu sein – für meine Ziele hart zu arbeiten und niemals aufzugeben. Aber das alles funktioniert nicht alleine. Um als kleines Unternehmen erfolgreich zu sein, ist es wichtig, dass das gesamte Team an einem „Strang“ zieht. Offene Kommunikation, Wissen teilen, alle im Team für die Sache begeistern – nur so entsteht die Kraft, auch nach einem Rückschlag wieder aufzustehen. Ich denke, das zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Firma. Dieses Prinzip versuche ich auch, den jungen Kollegen mit auf den Weg zu geben.

"Der Entwicklungsprozess ist wie ein Uhrwerk bei dem jedes einzelne Zahnrädchen ineinander greifen muss."

Welche Qualifikationen sollte man als Mitarbeiter im Engineering bei ROTWILD mitbringen?

Ein Ingenieurstudium vorzugsweise im Maschinenbau, Lust am Konstruieren, Teamgeist, offene Kommunikation, soziale Kompetenz und die Bereitschaft, sehr schnell Verantwortung zu übernehmen.

 

Hast du Tipps für jemanden, der gerne in der Bike-Branche arbeiten möchte?

Generell ist es schwierig, einen Tipp zu geben, da die Bike-Branche anders „tickt“ als andere Branchen. Die Radbranche ist extrem dynamisch, so entstehen stets neue Trends und damit verbundene Produkte. Dies führt dazu, dass der Arbeitsalltag und -ablauf nicht immer vorhersehbar ist und man immer wieder aus der eigentlichen Projektarbeit „herausgerissen“ wird. Technikbegeisterung, Kreativität und Offenheit für ständige Neuerungen sind neben einem Studium sicherlich die Grundvoraussetzungen.

 

Zu deinen persönlichen Bike-Vorlieben: Downhill oder Uphill?

Für mich ist das nicht voneinander zu trennen. Daher war und ist es auch stets unser Entwicklungsschwerpunkt, dass ein MTB mit oder ohne E-Antrieb in beiden Disziplinen perfekt funktionieren muss. Dies betrifft nicht nur das Fahrwerk, sondern auch die ergonomische Integration des Fahrers in das Gesamtsystem Fahrrad.

Sicherlich ist es schön, einen Lift oder Shuttle zu benutzen, um eine Abfahrt mehrmals fahren zu können und gezielt die Fahrtechnik zu verbessern. Nur Uphill wäre mir persönlich zu langweilig.

Katja Hensler und Peter Böhm bei der Feinabstimmung der IPU-R

Fully oder Hardtail?

100 Prozent Fully. Die Fahrdynamik und den damit verbundenen Fahrspaß, der aus einem perfekten Federungssystem resultiert, auf dem Trail zu spüren, begeistert mich immer wieder aufs Neue und zaubert mir stets ein Lächeln ins Gesicht. Sowohl bergauf als auch bergab.

 

E-Bike oder konventionell?

Beide „Welten“ haben bei mir ihren festen Platz. Im Alltag nutze ich nahezu täglich das E-Bike, um ins Büro zu fahren. Parallel genieße ich es, mit meinem konventionellen Bike eine MTB-Tour zu fahren.

 

Dein Lieblingsbike aus der ROTWILD-Palette?

E-Bike: T+, Konventionell: C1FS

 

Wie viele Kilometer sitzt du pro Jahr im Sattel?

Ich habe das Privileg, unterschiedlichste Prototypen fahren zu können – mit dem Ziel, möglichst viele Kilometer zurückzulegen. Neben meiner täglichen Strecke mit dem E-Bike ins Büro bin ich oft nach der Arbeit und auch am Wochenende mit meiner Frau gemeinsam auf dem E-Bike unterwegs – so komme ich im Jahr auf etwa 3.500 Kilometer. Darüber hinaus versuche ich, ein bis zwei Mal pro Monat mit meinem MTB unterwegs zu sein. In Summe ergeben sich so circa 4.000 bis 4.500 Kilometer pro Jahr.

 

Hast du ein Lieblingsrevier zum Biken?

Warum in der Ferne schweifen, wenn das Schöne so nah liegt… Unmittelbar westlich vom hesssichen Münster erstreckt sich ein Naturschutzgebiet in Richtung Aschaffenburg am Main an dem Flüsschen Gersprenz entlang, das relativ unbekannt ist, aber nahezu unberührte Naturlandschaft bietet und sich daher perfekt für ausgedehnte E-Bike-Touren anbietet. Mit dem MTB bin ich fast ausschließlich rund um die Burg Frankenstein (südlich von Darmstadt) unterwegs. Hier haben wir schon Anfang der 90er Jahre mit unseren ungefederten Stahlhardtails die Trails unsicher gemacht, und es ist für mich nach wie vor eines der schönsten und vielfältigsten Bike-Reviere hier in der Umgebung.

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