Naturverträgliches Biken: Vorbild Graubünden

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Fragt man Mountainbiker nach ihren Lieblingsregionen fürs Biken, fällt neben den bekannten Spots wie Saalbach-Hinterglemm, Livignio oder Finale Ligure auch der Schweizer Kanton Graubünden. Wie es die Region zum Paradis für Biker geschafft hat, wollten wir vom Biketourismusexperten Darco Cazin erfahren.

Der Kanton Graubünden wirbt selbstbewusst mit dem Slogan "Home of Trails". Ein Wegenetz von 2.500 Kilometer mit für Mountainbiker ausgewiesenen Trails hört sich wahrlich paradiesisch an. Als Destinationsentwickler war Darco Cazin in der Region maßgeblich an der Umsetzung einer bikefreundlichen Infrastruktur beteiligt. In Folge 3 unseres Podcasts "ROTWID trifft …" hat Darco bereits ein wenig über diese Aufgabe berichtet. Nun wollen wir noch etwas ins Detail gehen:

Was hat in Graubünden den Anstoß gegeben die Region für Mountainbiker attraktiv zu gestalten?

Im Kanton Graubünden haben die Regionen wie das Oberengadin, Lenzerheide, Davos/Klosters oder das Val Poschiavo das Mountainbiken für sich als Thema entdeckt. Dadurch gab es immer mehr Anfragen an den Kanton zu Events, Förderbeiträgen, Regelungen für Beschilderungen und so weiter. Im Jahr 2008 hat man somit auf Kantonsebene überlegt, welche Strukturen und Grundlagen der Kanton schaffen muss, damit sich die einzelnen Regionen nach ihren Vorstellungen entwickeln können. Der Impuls dazu kam aber aus den Orten und Regionen.

Das Motiv für diese Veränderungen war also das touristische Interesse der Regionen, oder?

Ja, das ist richtig. Aber die Grundlagen, die der Kanton schaffen musste, um dem gerecht zu werden, gehen weit über das hinaus. Hier spielen auch Dinge wie Raumentwicklung, Förderungen für Infrastrukturmaßnahmen und der Umgang mit anderen Interessengruppen außerhalb des Tourismus eine wichtige Rolle.

Copyright: Engadin St. Moritz Tourismus AG

Was waren dann die nächsten Schritte?

Wir haben gemeinsam mit der Fachhochschule Graubünden das Grundkonzept "Graubünden Bike" geschrieben und als Projektleitung über sechs Jahre umgesetzt.

Welche Ziele wurden im Rahmen des Konzeptes definiert?

Hier wurden sehr viele verschiedene Aspekte berücksichtigt. Es ging zum Beispiel um ein einheitliches Ticketing im öffentlichen Verkehr, um bessere Transportlösungen, um die Standards für die Ausbildung von MTB-Guides, die Förderung des Radsports an Schulen und viele Dinge mehr. Das war ein riesiges Projekt mit 30 Maßnahmen, an dem über 150 Personen aus den unterschiedlichsten Bereichen über sechs Jahre aktiv mitgearbeitet haben.

Nun hat nicht jede Region die sich dem MTB-Sport öffnen will das Glück, dass ein solches Konzept auf Landesebene entsteht. Oft geht es im Kleinen darum alle Interessenvertreter in ein Boot zu holen. Was sind hier deine Erfahrungen und Tipps?

Zunächst einmal müssen die Menschen aus den unterschiedlichen Interessengruppen ernsthaft an einer Lösung interessiert sein. Das Verständnis füreinander und der Wille etwas zu bewegen sind die Basis. Für die konkrete Umsetzung der Maßnahmen gibt es bereits einfache technische Lösungen, die erwiesener Maßen funktionieren. Sei es die Planung, die Angebotsgestaltung oder die Sensibilisierung und Reglementierung.

Und wie habt ihr das beim Projekt "Graubünden Bike" geschafft?

Durch sehr viele Gespräche in den unterschiedlichsten Gremien oder auch in Einzelgesprächen mit den jeweils verantwortlichen Personen. Wenn wir dort als Mountainbiker unsere Interessen und den Sport vorstellen, machen wir dies immer lösungsorientiert.

Copyright: Engadin St. Moritz Tourismus AG

Hast du dazu ein konkretes Beispiel?

Ja, etwa die Gespräche mit Landwirten. Hier müssen wir uns als Biker zunächst darüber im Klaren sein, dass wir Bittsteller sind. In unseren Gesprächen stellte sich heraus, dass eine gute Kennzeichnung der Weidezäune und Durchfahrten wichtig ist. Also haben wir für die Landwirte entsprechende Markierungen entwickelt und so eine Lösung angeboten. Es gibt viele ähnliche Beispiele und uns als Mountainbikern muss klar sein, dass wir nur eine kleine Gruppe sind, die einen begrenzten Raum beansprucht.

Die Alpen sind ein sensibler Lebensraum. Wie wurden in Graubünden mögliche Konflikte mit dem Naturschutz gelöst?

Bei dem Bikeprojekt für Graubünden waren die Umweltschutzverbände von Anfang an Partner. So haben wir beispielsweise gemeinsam mit der Naturschutzorganisation Pro Natura und dem WWF definiert, was umweltverträgliches Biken ausmacht. Hier geht es nicht nur um die Auswirkungen auf Flora, Fauna und die Wege, sondern auch um diverse andere Themen wie zum Beispiel naturverträgliche Events und umweltfreundliche Anreise. Denn was feststeht: In touristischen Regionen ist der Umweltschaden bei der Anreise mit dem Pkw um ein Vielfaches größer als der mögliche Schaden durch den Bau eines Trails. Unterm Strich gilt auch hier, dass Tourismus- und Umweltverbände in einem guten Diskurs voneinander profitieren und lernen können.

Welche Tipps kannst du Mountainbikern mitgeben, die sich in ihrer Heimat für einen Ausbau der Bike-Infrastruktur einsetzen?

Erstens: Versucht eine Person aus euren Reihen zu bestimmen, die als Sprachrohr und "Gesicht" eure Interessen gegenüber den anderen Gremien und Verbänden vertritt. Aus unserer Erfahrung hat es sich bewährt, wenn hier eine gewisse Personifizierung gegeben ist.

Zweitens: Nutzt jede Gelegenheit bei den relevanten Interessengruppen über den Bikesport aufzuklären. Nur so kann man Verständnis schaffen, denn viele Leute außerhalb der MTB-Welt kennen uns nicht.

Drittens: Macht nicht den Fehler kleine Fortschritte oder erste Projekte gleich groß zu kommunizieren und zu bewerben. Angebote sollten organisch wachsen. Sonst besteht die Gefahr, dass eure Infrastruktur nicht dem plötzlichen Andrang standhält und in der Folge Konflikte vorprogrammiert sind.

 

Wer mehr über Darco und sein Unternehmen Alegra Tourismus erfahren will, hört sich unseren Podcast "ROTWILD trifft ..." an.

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