Ideen und Lösungen für naturverträgliches Mountainbiken

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Seit sich Mountainbiker abseits asphaltierter Straßen bewegen, gibt es ein Thema, bei dem sich die Gemüter in der Mountainbike-Szene immer wieder erhitzen: Welche Wege und Trails darf man befahren und wer entscheidet das? Um für Aufklärung zu sorgen, sprachen wir mit zwei Experten: Benjamin Trotter, Mitarbeiter im Ressort Naturschutz und Kartografie im DAV (Deutscher Alpenverein), und Ingmar Hötschel von der DIMB (Deutsche Initiative Mountainbike).

Grundsätzlich sind im föderalistischen Deutschland die jeweiligen Naturschutzbehörden der Bundesländer für die Regelungen des Naturschutzes verantwortlich. Das führt dazu, dass Mountainbiker in jedem Bundesland unterschiedliche Vorschriften zu beachten haben. Die DIMB zitiert zur Rechtslage auf ihrer Website aus dem Bundeswaldgesetz: "In Deutschland ist das Radfahren im Wald auf Straßen und Wegen gestattet. Es gilt das Gebot der Rücksichtnahme. Die Bundesländer können die Einzelheiten regeln. In Schutzgebieten können Verordnungen das Radfahren einschränken".

Das hört sich im Grunde prima an, doch der Föderalismus macht dem Mountainbiker das Leben nicht einfach, wie die jüngste Entwicklung in Bayern zeigt. Hier hat die Staatsregierung Ende 2020 neue Verwaltungsvorschriften zum Vollzug des Bayerischen Naturschutzgesetzes erlassen. Damit sollen die geltenden Regelungen für die Erholung in der Natur und insbesondere zum Radfahren in Bayern präziser ausgelegt werden. Hierbei geht es unter anderem um Kriterien zur Beurteilung der Wegeeignung fürs Fahrradfahren. Ein zentraler Punkt, der auch über die Grenzen Bayerns hinaus in anderen Bundesländern immer wieder für Diskussionsbedarf sorgt.

Warum ist die Aufregung in der MTB-Community über die neuen Verwaltungsvorschriften zum Vollzug des bayerischen Naturschutzgesetzes so groß?

Ingmar Hötschel: In den Vorschriften gibt es verschiedene Punkte, in denen Kriterien aufgeführt sind, nach welchen das Radfahren auf bestimmten Wegen unzulässig sein soll. Es geht dabei um Definition von geeigneten Wegen, Zuständigkeiten für Wegsperrungen und der Gemeinverträglichkeit. Aus unserer Sicht ist hier zu befürchten, dass sich diese Gründe auf nahezu jeden attraktiven Weg übertragen lassen und aus unserer Sicht rechtswidrige Sperrungen oder Verwarnungen drohen.

"Ich empfehle jedem Biker, sich an die Trail-Rules zu halten und so dem Grundbesitzer erst gar keinen Anlass für eine mögliche Wegsperrung zu bieten", Ingmar Hötschel von der DIMB (Deutsche Initiative Mountainbike).

Aber die Vollzugshinweise sind keine Gesetzesänderung richtig?

Ingmar Hötschel: Das stimmt. Sie sind eher als Arbeitsanweisung an die unteren Naturschutzbehörden zu verstehen. Dennoch haben wir in einem gemeinsamen Brief mit den Radsportverbänden BDR, BRV, ADFC sowie den Tourismusverbänden Oberbayern München, Ostbayern, Franken und Allgäu/ Bayerisch-Schwaben die betroffenen Ministerien in Bayern angeschrieben und appelliert, Änderungen in den Vollzugshinweisen aufzunehmen.

Benjamin Trotter: Auch wir vom DAV haben eine ausführliche Stellungnahme mit konkreten Änderungsvorschlägen an den bayerischen Umweltminister Glauber gesandt.

Mit welchem Ergebnis?

Benjamin Trotter: Es gab ein Gespräch mit dem Staatsminister Glauber. Das Ministerium hat unsere Bemühungen anerkannt und zeigt sich offen für den weiteren Dialog. Wann und ob die aktuellen Vollzugshinweise, wie von uns vorgeschlagen, überarbeitet werden wurde seitens Ministeriums noch offen gelassen. Jedoch soll eine dreijährige Evaluierungsphase aufzeigen , ob die von uns Verbänden vorgebrachten Bedenken in der Praxis tatsächlich eintreten.

Ingmar Hötschel: Aktuell rufen wir deshalb zusammen mit dem Bike Magazin alle Mountainbiker in Bayern dazu auf, neue Verbotsschilder und Wegsperrungen zu dokumentieren und zu melden. So können wir dann diesen Hinweisen konkret nachgehen und die Auswirkungen belegen.

"Eine wichtige Aufgabe für uns als DAV ist hier die Aufklärung und der Appell an ein respektvolles Miteinander", Benjamin Trotter, Mitarbeiter im Ressort Naturschutz und Kartografie im DAV (Deutscher Alpenverein).

Das Thema Mountainbiken und Naturschutz ist so alt wie der Sport selbst und die Situation in Bayern zeigt exemplarisch, wie komplex das Ganze ist. Was hat sich nun für mich als Mountainbiker in Bayern konkret geändert?

Benjamin Trotter: Man muss wissen, dass  die Vollzugshinweise keine Änderung der Verfassung oder des bayerischen Naturschutzgesetzes sind. Singletrails sind demnach für mich als Biker nicht tabu und auch Wegsperrungen müssen vom Grundstücksbesitzer angezeigt und von der unteren Naturschutzbehörde überprüft werden, bevor sie wirksam sind.

Ingmar Hötschel: Das wäre das korrekte Vorgehen. Wir befürchten allerdings, dass Grundbesitzer, die gegenüber Mountainbikern weniger tolerant sind, Verbotsschilder aufhängen, bevor die Behörden den betreffenden Weg entsprechend begutachtet haben. Ich empfehle jedem Biker, sich an die Trail-Rules zu halten und so dem Grundbesitzer erst gar keinen Anlass für eine mögliche Wegsperrung zu bieten.

Eigene Trails für Mountainbiker wie hier in Saalbach-Hinterglemm sorgen für ein reibungsloses Mit- und Nebeneinander im Gelände. Foto Copyright: Markus Greber für bike’n soul Saalbach

Ein Argument vieler Grundstücksbesitzer für eine Wegsperrung ist ja auch die Angst vor einer Haftung bei Unfällen, die beim Befahren des Weges passieren. Ist diese berechtigt?

Ingmar Hötschel: Nein, denn es gibt ein Urteil des BGH vom Oktober 2012 das eine derartige Haftung ausschließt. Hier heißt es unter anderem: "Risiken, die ein freies Bewegen in der Natur mit sich bringt, gehören grundsätzlich zum entschädigungslos hinzunehmenden allgemeinen Lebensrisiko". Solange auf dem Weg keine "unvorhersehbaren Gefahren" wie zum Beispiel unmarkierte, quer zum Weg gespannte Weidezäune auftreten, hat der Grundstücksbesitzer keine Haftungsrisiken zu befürchten.

Benjamin Trotter: Gerade bei dem Punkt der Haftung ist nach wie vor sehr viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit nötig. Das erleben wir auch bei der Arbeit an unserem aktuellen Projekt zum naturverträglichen Bergsport in den Modellregionen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und Oberallgäu.

Was hat es mit diesem Projekt auf sich und welche Schlüsse kann der DAV bisher daraus ziehen?

Benjamin Trotter: Bei dem Projekt geht es darum, in zwei Modellregionen nachhaltige Mountainbike-Konzepte zu erarbeiten und umzusetzen. Ziel ist es, für Mountainbiker eine konfliktfreie Ausübung des Sports zu erreichen. In dem Prozess bringen wir alle Interessengruppen an einen Tisch, bündeln die unterschiedlichen Bedürfnisse und schlagen dann mögliche Lösungsansätze vor. In der Diskussion um ein MTB-spezifisches Wegenetz müssen wir vor allem über Haftungsfragen und die aktuelle Rechtslage aufklären. So gibt es durchaus Möglichkeiten für Grundstücksbesitzer, sich gegen die minimalen Haftungsrisiken zu versichern. Das wissen viele nur nicht. Aber es geht auch um Konzepte zur Lenkung der Besucherströme, Möglichkeiten der nachhaltigen Anreise und ein möglichst breites Angebot an Touren und Trails, um die Ballung an Hotspots zu vermeiden. Das Projekt ist auf drei Jahre ausgelegt und unsere Learnings möchten wir dann auf andere Gebiete übertragen.

Wenn scheinbar selbstverständliche Trail-Rules wie "Fahre nur auf Wegen!" und "Hinterlasse keine Spuren!" eingehalten werden, wäre schon viel gewonnen. Foto Copyright: Markus Greber für bike’n soul Saalbach

Wie kann ich als Mountainbiker denn aktuell dazu beitragen, dass sich die Akzeptanz für unseren Sport bei allen Skeptikern verbessert?

Ingemar Hötschel: Mit einer guten Fahrtechnik lassen sich Beeinträchtigungen von Wegen auch in schwierigerem Gelände vermeiden. Wichtig ist also, dass der Biker nur dort fährt, wo er das Bike auch beherrscht. Mountainbiker können zudem aktiv helfen, die Wege zu erhalten: indem sie zum Beispiel bei nassen Verhältnissen sensible Wege nicht befahren. Oder, wie es immer öfter geschieht, bei der Instandhaltung der Wege helfen. Außerdem kann man in diesem Zusammenhang nicht oft genug auf die Trail-Rules verweisen. Wenn sich alle an diese Verhaltensregeln halten, wäre schon mal viel gewonnen.

Benjamin Trotter: Dem stimme ich voll und ganz zu. Eine wichtige Aufgabe für uns als DAV ist hier die Aufklärung und der Appell an ein respektvolles Miteinander. Wir haben dazu 10 Empfehlungen formuliert, mit denen wir die Biker für ein rücksichtsvolles Verhalten sensibilisieren möchten. Um Vorurteile wie "Mountainbiker fahren querfeldein, sind rücksichtslos und zerstören Wege" zu entkräften, haben wir auf unserer Website die gängigen Stammtischweisheiten aufgeführt und mit Fakten und Hintergrundinformationen widerlegt.

 

Viele weitere Infos und nützliche Tipps zum naturverträglichen Mountainbiken findet man auf den Webseiten des Alpenvereins, der DIMB und des Instituts für Outdoor Sport und Umweltforschung der Deutschen Sporthochschule Köln.

 

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